Kaffee ist nicht gleich Kaffee und Café ist nicht gleich Café – ein Kommentar
Wenn man einmal in einem Café gearbeitet hat, ist das der Satz, den man sicherlich am häufigsten gehört hat: „Einen normalen Kaffee bitte.” Was um alles in der Welt soll denn bitte ein normaler Kaffee sein? Gibt es un-normalen Kaffee? Oder gibt es gar im Land der DIN und sonstigen Normen einen genormten Kaffee, der den Worten „normaler Kaffee” 1:1 in jeglichem Café Deutschlands entspricht?
Eher nicht. Auch wenn Deutschland nicht Frankreich ist, wo man Espresso gerne mal mit „x” statt „ss” – also „Expresso” schreibt, so könnte man dennoch sagen, dass wir Kaffeebanausen und Koffeinjunkies sind.
Deutschland, das Land, welches alles bis ins letzte Detail bürokratisch und exakt durch Komposita zu beschreiben versucht – wie beispielsweise Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz – hat bei dem Getränk, das in Summe mehr als Bier konsumiert wird, plötzlich die Deutungshoheit verloren. Fangen wir mal mit der Semantik und Orthografie an. Das gesprochene Wort [kaffee] – auch wenn leicht variiend in der Aussprache – hat im Deutschen die Bedeutung: Café (Ort, in dem man seinen Kaffee zu sich nimmt), Kaffee (einerseits das Getränk, welches man so gerne konsumiert, andererseits könnten auch die Kaffeebohnen gemeint sein … eigentlich auch ungenau, weil es die Samen der Kaffeekirsche sind (aber egal)).
Kaffee ist nicht gleich Kaffee.
Das Getränk „normaler Kaffee” ist in den meisten Fällen „natürlich” ein Americano oder der Kaffee Crema, wahrscheinlich weil cremig nach lecker klingt. Früher war Filterkaffee „normaler Kaffee”, aber früher war ja auch alles besser und man durfte noch dies und das, aber das ist ja schon lange vorbei. Früher schmeckte Filterkaffee wahrscheinlich auch eher wie Folterkaffee und genau das sind die meisten Americano und vor allem Kaffee Crema heute noch.
Wie kann man diese tolle italienische Erfindung, die Siebträgermaschine und das aus ihr gepresste Getränk – den Espresso – mit Unmengen Wasser „verunreinigen”? Der Espresso ist natürlich ein hoch konzentriertes Getränk, bei dem mithilfe von 9 Bar Druck, Öle und Aromen aus dem Mahlgut gelöst werden und dennoch kann er bei handwerklichem Können die perfekte Balance zwischen Süße, Säure, Bitterkeit und Cremigkeit sein.
An dieser Stelle empfinden manche den Kaffee (hier Espresso gemeint) als „zu stark”. In Cafés die sich durch Specialty Coffee auszeichnen, kommen frischere Bohnen, die sorgsam geerntet, aufbereitet und geröstet wurden zum Einsatz. Zudem wird für einen Espresso bis zu 50% mehr Kaffeemehl verwendet, als bei herkömmlichem industriell gefertigtem und gebrühtem Kaffee. Es könnte sein, dass diese Dichte und Vielfalt der Aromen einfach ungewohnt sind und deswegen überfordern, weil die meisten ihren Kaffee schon immer verbrannt, dunkel und wegen des Koffeins getrunken haben.
Exkurs: Man könnte noch über die Brew-Ratio diskutieren (typischerweise bei 1:2, also ein Teil Mahlgut zu zwei Teilen Getränk in der Tasse). Im Specialty werden für einen doppelten Espresso oft um die 19g verwendet, wohingegen im herkömmlichen Bereich eher mit 14–15g gebrüht wird.
Wenn neben den 4–5g weniger Mahlgut auch noch mehr Wasser zum brühen verwendet wird, führt das natürlich zu einem schwächeren aber größeren Getränk. Hier stellt sich die Frage: schlägt Masse Klasse? Ich verstehe nicht wie man sich über zu hohe Preise beim kleinen handwerklichen Specialty Café beschweren kann bei dem der Cappuccino 4,20€ kostet, wenn man doch seinen Cappuccino beim Bäcker für 3,80€ bekommt.
Billigste H-Milch, mehr Wasser, weniger und wesentlich schlechterer Kaffee und ein Vollautomat bereiten das Getränk zu. Wie kann man diese beiden Getränke allen Ernstes auf eine Stufe stellen, vergleichen und sich über die Preise im Café mit Siebträgermaschine beschweren?
Kaffee ist nicht gleich Kaffee und Café ist nicht gleich Café!
Das bringt mich dazu, dass nahezu jedes caféartige Lokal mit Kaffeespezialitäten wirbt. Was soll das sein? Gibt es auch Kaffee, der keine Spezialität ist – also „normalen Kaffee” – weil das wollen doch eigentlich alle. Ich glaube, ich bin verwirrt und bleibe das bis wir unsere Kaffeegetränke normen.
Mein Vorschlag: Ein Espresso nach DIN E1 ist nur dann ein Espresso wenn er aus der Siebträgermaschine, von einem geschulten Barista, unter Verwendung hochwertiger Bohnen kommt. Das ist normal. Ein sogenannter Espresso aus einem Vollautomaten wäre dann ein zu-leicht-gelöstes-Kaffeemehl-in-zu-viel-Wasser-Getränk.

